Wie wäre es, Gefühle mal NICHT beim Namen zu nennen?

Vorgestern habe ich zum ersten Mal erlebt, was passieren kann, wenn Gefühle ohne Bewertung gefühlt werden!

Ich traf mich mit einem Freund zum Abendessen. Wir plauschten ein bisschen und er erzählte dass es eine neue Studie über Depressionen gäbe und passend dazu, ein neues Medikament.

Irgendetwas ärgerte mich an dieser Aussage.

Keine Ahnung, ob es die Aussage an sich war, oder die Art, wie mein Bekannter es sagte. Ich weiß es nicht. Auf jeden Fall begann ich mich sehr, sehr zu ärgern! Ich nenne es einfach mal Ärger, da ich im Nachhinein gar nicht mehr weiß, ob es nötig ist, einer Emotion unbedingt einen Namen geben zu müssen!

Der vermeintliche Ärger in mir begann also und mit ihm machte sich ein Gefühl bemerkbar….

Ein sehr, sehr starkes Gefühl. Es entstand im unteren Bauchraum. Es drückte, zwickte und kribbelte und zog wie ein Riesentsunami hoch in meine Brust, bis hin zu meinem Hals. Dieser fühlte sich zum Bersten dick an. Und nicht nur mein Hals wurde immer dicker und dicker! Gefühlsmäßig schwoll mein ganzer Oberkörper an. Ich dachte, ich platze!

Gleichzeitig mit diesem Gefühl kam eine Hitze in mir hochgekrochen, die ebenfalls im unteren Bauchraum entstand. Auch sie zog sich bis zum Hals, über die Ohren, hinein in den Kopf. Mein ganzer Körper bebte. Und das Herz…das Herz klopfte, als sei ein wilder Tiger hinter mir her!

Ich hatte dieses Gefühl schon oft und kenne es sehr gut!

Früher hätte es bei mir eine Menge Ärger und Wut ausgelöst. Wahrscheinlich hätte ich geschimpft und gezetert. Möglicherweise wäre es zu einem Streitgespräch gekommen….

Vorgestern allerdings saß ich nur da und fühlte dieses Gefühl. Ich hörte meinem Bekannten zu, was er über die Depressionsstudie fachsimpelte und spürte die Vielzahl von Körperempfindungen. Ich ließ nicht zu, dass mein Ego, mein Verstand diese Gefühle in Wut übersetzte. Ich saß einfach da und fühlte.

Und jetzt kommt der Hammer: das Gefühl dauerte ungefähr 3 Minuten!

Nicht länger! Und dann war es weg! Einfach weg! Ohne Drama, ohne Streitgespräch, ohne Wut und ohne Aggression. Es löste sich einfach auf, fiel in sich zusammen!

Hätte – wie früher – mein Verstand dieses Gefühl als Wut oder Aggression übernommen, wäre die Wut mit aller Wahrscheinlichkeit geblieben, möglicherweise auch länger. Vielleicht hätte ich mich noch im Auto geärgert und zu Hause über das Treffen geschimpft…., aber so ist das Gefühl einfach weggegangen…

Was passiert, wenn wir Gefühle immer fühlen würden, ohne sie zu bewerten, ohne ihnen einen Namen zu geben?

Wenn wir sie einfach nur beobachten, wo sie aufsteigen, wie sie sich anfühlen und was sie mit dem Körper machen?

Dann werden sie gehen. Früher oder später. Wir würden nicht mehr drin hängen bleiben!

Wie denkt ihr darüber? Was sind Eure Erfahrungen?

 

 

Text: Birgit Keup

Foto: Pixabay

– TEILEN ERWÜNSCHT –

8 Comments

  1. Petra

    Ich habe schon ähnliches erlebt. Damit, dass Gefühle die ich einfach nur fühle, ohne sie zu benennen, sie irgendwie an Dramatik verlieren. Ist ja auch logisch dann für das Benennen brauche ich meinen kognitives Bewertungssystem. Ich sortiere ein ich bewerte und fordere mich damit selber auf, entsprechend zu handeln . wenn ich all dass weglasse, “verschwimmen” Gefühle auch oft für mich. bestimmte Körperempfindungen sind z.B. unterschiedlichen Stimmungen Gefühlen gleich. Ich muss sagen, dass ich das im Alltag nicht so differenziert wahrnehmen kann, richtig gut wahrnehmbar war das für mich z.b. im retreat wo ich wirklich wenig Außenreize hatte, und sehr gut geschult in der Beobachtung und Wahrnehmung meines Fühlens war

    • birgitkeup

      Liebe Petra, im Alltag ist es auch echt schwer, bei sich zu bleiben. Ich übe immer, wenn sich die Gelegenheit bietet. Mittlerweile macht es auch richtig Spaß. Ich finde es erstaunlich, wie schnell sich dann sowas erledigt. Früher hätte ich wahrscheinlich Tage an meinem Ärger geknabbert. Viele liebe Grüße, Birgit

  2. In der Psychologie werden Gefühle ja definiert als kognitive Bewertung von Körperempfindungen. Die Körperempfindungen sind aber niemals starr, sondern verändern sich ständig. “Emotion comes from motion”, hat Tony Robbins glaube ich mal dazu gesagt. Wenn man also rein bei den Körperempfindungen bleibt, bleiben die Gefühle sozusagen außen vor. Man konzentriert sich nur auf die Vorgänge im Körper – und die sind immer im Fluss. Man kann sogar noch eins draufsetzen und die kognitive Bewertung frei verändern. Im NLP nennt das Reframing (auf meiner Website gibt’s dazu auch einen Artikel). Liebe Grüße, Carsten.

    • birgitkeup

      Ui, lieber Carsten, das hört sich sehr interessant an. Vielen Dank für Deinen Kommentar. 🙂 Viele liebe Grüße, Birgit

  3. Ein klasse Bericht! Ich danke dir dafür!
    Auch ich handhabe es schon seit längerem, dass ich die Gefühle einfach da sein lasse, sie spüre und wahrnehme – ohne etwas benennen zu wollen oder eine Geschichte (aus der Vergangenheit) dazu finden zu wollen 🙂 Es ist so wohltuend und wirkt super! 🙂

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.